Zu Besuch in Orsay - Ein Turnierbericht von Christian Hosang

Turniere 1. Feb. 2026

Über den Jahreswechsel war ich mit meiner Frau auf Familienbesuch in Frankreich und wollte das damit verbinden, meine anderthalbjährige Turnierabstinenz zu beenden. Dabei bin ich über das Turnier in Orsay gestolpert welches zeitlich und örtlich gut gepasst hat, da wir nur ca. 20 Autominuten entfernt untergebracht waren. Es fand am 3. und 4. Januar jetzt bereits zum 30. Mal statt.

Die Rahmenbedingungen waren 45min/15 Sek Fischerzeit mit 3 Runden am Samstag und 2 am Sonntag. Es wurde nach französischen Go-Regel gespielt, mit denen ich mich erstmal beschäftigen musste. Kurz zusammengefasst: 7,5 Komi, es wird gezählt, wie bei den japanischen Regeln, aber wenn man passt gibt man dem Gegner einen Stein und Weiß muss immer zuletzt passen. Ansonsten gilt die positionelle Super-Ko-Regel. Es darf also nicht nur lokal zu keiner Wiederholung der Brettstellung kommen, sondern auch global auf dem ganzen Brett nicht.

Bei der dritten Runde am Samstag entschied ich mich schon früh diese auszusetzen, da sie geplant erst 20 Uhr starten sollte – man also davon ausgehen konnte das dies nicht vor 20:30 geschieht, wir sind schließlich auf einem Go-Turnier. Und ich wollte meinem Schwager wahrlich nicht zumuten mich erst gegen 23 Uhr abzuholen.

Die Turnierlocation war das La Grande Bouvêche, ein imposantes Bauernhaus das in der Vergangenheit den Zugang zu den Ländereinen des Schlosses von Orsay bildete.

Das La Grande Bouvêche von der Parkseite aus fotografiert

Man ist zudem mitten im Stadtzentrum, so dass man in der Pause zwischen den Turnieren die wirklich sehr charmante und fußgängerfreundliche Innenstadt erkunden kann. Direkt hinter dem La Grande Bouvêche gibt es auch einen kleinen Park, falls man eher die Ruhe der Natur sucht.

Gespielt wurde in 4 separaten Räumen, die über das gesamte Gebäude verteilt waren. Ein kleiner Raum war für die 4 Top-Bretter reserviert und einer war wohl eigentlich als Aufenthaltsraum gedacht, musste aber aufgrund der hohen Teilnehmerzahl von knapp über 100 als Spielraum genutzt werden. Was leider dazu führte das es zwischen den Partien räumlich recht eng war.

Einer der Spielsäle

Das eigentliche Turnier startete dann schlecht möglichst und ich merkte meine anderthalb jährige Pause deutlich. Die erste Partie war ein sehr ausgeglichener Schlagabtausch in dem sich mein Gegner Gebiet nahm und mich mit jeder Menge Mojopotential zurückließ. Beim darauffolgenden Kampf aus dem Mojo dann auch etwas Zählbares zu machen, verrechnete ich mich und verlor die Partie. Alles in allem ärgerlich, aber kann halt passieren.

Der Kifu der ersten Partie, die mein Gegner dankenswerter Weise mitgeschrieben hat. Die rechte Gruppe ist gestorben und ich habe daraufhin aufgegeben.

Im zweiten Spiel überspielte ich den Gegner aus der Eröffnung heraus, nahm Gebiet und ließ ihn mit einer schwachen, angreifbaren Gruppe zurück. Mehr Gebiet, keine schwachen eigenen Gruppen und eine schwache Augenlose weiße Gruppe auf der Flucht Richtung Zentrum. Kann eigentlich nichts schief gehen oder? Der Meinung war ich auch, nur um mich beim Angreifen so dermaßen zu verzetteln, dass ich meinem Gegner die Chance zum Aufholen gegeben habe. Die hat dieser auch genutzt und am Ende, zu unserer beider Überraschung, mit 1,5 Punkten gewonnen.

Der Zweite Tag lief dagegen wesentlich besser, was sicher auch an den etwas schwächeren Gegnern lag gegen die ich nach 2 Verlustpartien gepaart wurde. In der ersten Partie hat mein Gegner nach ruhigem Verlauf einen Schnitt übersehen, sodass ich ihm eine große einäugige Gruppe töten konnte und er aufgab. In der zweiten Partie spielte ich einen Trickzug, den ich kurz vorher noch auf Go Magic im Skilltree gesehen hatte und mein Gegner spielte glücklicherweise genauso wie er es nicht tun sollte. Das brachte mir schon in der Eröffnung eine dominante Stellung, bei der ich es diesmal auch bis zum Ende nicht schaffte diese zu verdaddeln, wie es mir am Vortag „gelungen“ ist. Den Trickzug lasse ich einfach mal hier und der geneigte Leser kann selbst überlegen wie er mit schwarz reagiert hätte. So nahm das Turnier mit einem 2:2 doch noch ein sportlich versöhnliches Ende.

Der Trickzug welcher mich in Partie 5 komfortabel in Führung brachte. Mit bestem Dank an GoMagic

Alles in allem war es ein wirklich gut organisiertes Turnier in einer tollen Location mit durchweg netten und sympathischen Spielpartnern. Und es hat gründlich mit meinem Vorurteil aufgeräumt, das in Frankeich niemand Englisch reden will oder kann. Denn mit ausnahmslos jedem meiner Spielpartner konnte ich mich auf English unterhalten so dass die Kommunikation kein Problem war. Eine rundum positive Erfahrung also dieses erste Turnier in Frankreich.

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Christoph Tolke

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